Junggesellen

Gemeinsam mit ihrem Bruderverein, der Schützengesellschaft, gehört die “Zunft der Jungen Gesellen” zweifellos zu den ältesten Vereinen Waldshuts, und es gibt wohl in kaum einer anderen Stadt eine Vereinigung, die über die Jahrhunderte der Geschichte so eng mit dem städtischen Leben verwachsen ist, deren Ideale und Ziele durch alle Strömungen der Zeit so treu und unverändert beibehalten wurden, die die Anteilnahme der Stadtbevölkerung so sehr hervorrief, wie die Junggesellenschaft.

Ihre Anfänge sieht die Zunft in den Waldshuter Kriegen und der Zeit der Belagerung der Stadt durch die Eidgenossen im Jahre 1468. Damals hatten sich die Jungen Gesellen wehrhaft gezeigt und – wir alle kennen die Legende – die Stadt durch ihre List gerettet.
Möglicherweise liegt der Zeitpunkt der Gründung sogar noch weiter zurück. Denn die Waldshuter Gesellenzunft war eine auf soziale Interessen gerichtete Vereinigung junger Handwerksgesellen, die neben den heimischen vor allem den wandernden Gesellen auf der Durchreise Anlaufstation war. Sie vermittelte den Gesellen eine Stelle beim Meister, bot Unterstützung im Krankheitsfall und sorgte mit allabendlicher Geselligkeit im Zunftlokal für eine soziale Integration. Schon früh wirkten die Gesellen überdies aktiv bei kirchlichen und weltlichen Anlässen mit, wobei zu unbekannter Zeit die Legende aufkam. Die Legende, daß während der Belagerung im Jahre 1468 in der höchsten Not ein Geselle auf die Idee gekommen sei, den letzten in der Stadt verbliebenen Schafsbock auf der Stadtmauer herumzuführen und den Eidgenossen so zu zeigen, daß man noch genug zu essen habe und die Belagerung noch lange Zeit durchhalten könne. Die Schweizer sollen sich davon täuschen lassen haben und zogen ab. Ob Wahrheit oder Legende – seither wird alljährlich im Festzug der Waldshuter Chilbi, die zur Erinnerung an diese Belagerung stattfindet, ein Schafsbock von den Junggesellen mitgeführt.

Die ältesten noch vorhandenen Statuten aus dem Jahre 1698 regeln – vergleichbar mit einer Satzung – vor allem das Benehmen und der Verhalten der Junggesellen innerhalb und außerhalb der Stube, also des jeweiligen Zunftlokals. Auf der Titelseite wird darauf hingewiesen, daß es sich hierbei um die erneuerten Statuten handelt. Wir gehen also davon aus, daß es noch ältere Dokumente gibt.

Die Statuten sind – in ihrer aktuellen Form – noch heute gültig und legen die Grundregeln der Zunft und des Zunftlebens fest. So gilt immer noch der Satz, daß nur aufnahmeberechtigt sind:

  • Unverheiratete, bzw. nicht verlobte junge Männer,
  • die darüber hinaus einen unbescholtenen Leumund genießen und
  • ihren Lebensmittelpunkt in Waldshut innehaben.

Neben den Aufnahmebedingungen regeln die Statuten auch den ordungsgemäßen Ausschluß aus der Zunft:
Hier unterscheiden wir zwischen einem ehrenhaften und einem unehrenhaften Ausschluß. Den Normalfall bildet die Heirat eines Zunftbruders und das damit verbundene ehrenhafte Ende seiner Junggesellenzeit. Der ausscheidende Zunftbruder ist verpflichtet, seine Zunftbrüder zu den Feierlichkeiten einzuladen oder die sogenannte Morgensuppe, das heißt ein Gabelfrühstück zu verabreichen. Sofern der Zunftbruder mindestens das 30. Lebensjahr vollendet hat und länger als 5 Jahre der Zunft angehörte, besteht für ihn die Möglichkeit, einen Antrag auf ehrenhaftes Ausscheiden Alters halber zu stellen. In beiden Fällen steht es dem Ausgeschiedenen offen, dem Verein der Ehemaligen der Junggesellen beizutreten.

Ein Austritt kann allerdings auch durch unehrenhaften Ausschluß erfolgen. Verschiedene Gründe können das Bott – die Versammlung aller Zunftbrüder – bewegen, so zu entscheiden. In diesem Zusammenhang sind zu nennen: mangelndes Interesse an der Zunft, dreimaliges unentschuldigtes Fehlen oder ein gravierender Verstoß gegen die Statuten.

Die Paragraphen der Statuten gelten durch ihre detaillierte Formulierung als Richtlinie der Zunft. Sie legen einen hohen Wert auf die Begriffe “Zucht- und Ehrbarkeit”, beziehen sich jedoch auffälligerweise an keiner Stelle auf soziale oder wirtschaftliche Aspekte. Sie sollen somit ein hohes Ansehen in der Öffentlichkeit und eine Gemeinschaft der Zunftbrüder über alle Standesgrenzen hinweg gewährleisten.
Besonders im Reglement weisen die Statuten auf die verpflichtenden Aktivitäten der Junggesellen hin, zu den neben der Waldshuter Chilbi als “Hochfest” in besonderer Weise die Waldshuter Fasnacht zählt.
Deshalb ist es nicht überraschend, daß die Statuten viele Hinweise auf die Veranstaltungen rund um die Chilbi geben: Angefangen mit der Bocktaufe, zwei Woche vor dem Chilbisonntag, an der der Chilbibock einen Namen erhält, über die Teilnahme der Junggesellen am Heimatabend am Chilbisamstag und die Bockverlosung nach dem Festumzug am Chilbisonntag. Dabei wird der Gewinner des Chilbibocks aus 1000 Losen ausgezählt, die in den zwei Wochen seit der Bocktaufe von den Junggesellen verkauft wurden. Hin zum Chilbimontag, der schon früh mit der Stadtjahrzeit in der Pfarrkirche beginnt. Die Zunft erlegt sich hierzu selbst eine unbedingte Teilnahmepflicht auf, weil an dieser Gelegenheit der Toten der Waldshuter Kriege von 1468 gedacht wird. Es folgt am Chilbimontag das Gulaschessen, zu dem die Junggesellenschaft einlädt: Längst hat sich diese Veranstaltung von einem bloßen Mittagessen zu einem unterhaltsamen Schlagabtausch zwischen Vereinen und Verwaltung, zwischen Waldshut und Tiengen entwickelt. Geblieben ist jedoch die gesellige und lockere Atmosphäre, die das Gulaschessen schon zum Erlebnis machen. Dazu öffnet die Zunft am Chilbisonntag, Chilbimontag und Nachchilbisonntag die Bockhütte im Festzelt am Chilbiplatz und lädt dort Freunde und Gönner zu Tanz, Gesprächen und kühlem Bier. Den Abschluß der Chilbi bildet das Bockessen, das der Bockgewinner meist im Herbst des entsprechenden Jahres ausrichtet.

Damit bin ich im wesentlichen auf die erste der drei Aufgaben eingegangen, die sich die Zunft in ihren Statuten selbst gegeben hat:

“Zweck der Gesellschaft ist die Förderung, Pflege und Weitergabe des Brauchtums und der Tradition unserer Waldstadt, …”.

Neben der geselligen Unterhaltung, die in erster Linie in Form der freitäglichen Stammtische stattfindet, ist die Betreuung des als Museum anerkannten historischen Zunftarchivs im Basler Tor das dritte Ziel der Junggesellenschaft.