Die Chilbi als Lebensgefühl

Die Chilbi als Lebensgefühl”- Augenzwinkernde Gedanken zur Waldshuter Identität von Jürgen Glocker

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Es mag manche Nordeutsche geben. Rastatter etwa, Karlsruher oder gar Mannheimer, welche die Waldshuter Chilbi mit einem schlichten Heimatfest, mit einer “normalen” Kilbi verwechseln oder – beinahe schon aus hanseatisch- skandinavischer Nordkap- Perspektive – zu einem vulgären Ziegenbock- Fest trivialisieren. Urlaubenden bzw. zugereisten Nordlichtern können solche Sünden selbst dann noch unterlaufen – diese Erfahrung muß man leider immer wieder machen – wenn sie sich redlich informiert haben und vom geschichtlichen Hintergrund der Chilbi wissen, vom Kampf der reichsunmittelbaren Stadt Mühlhausen um ihre Unabhängigkeit etwa, vom Zug der mit Mühlhausen verbündeten Eidgenossen gegen Waldshut, von der mehrwöchigen Belagerung der Waldstadt und vom Waldshuter Frieden, der am 27. August 1468 – vermutlich in der Kirche von Dogern – geschlossen wurde. Auch wenn Feriengäste und Neubürger darüber im Bilde sind, daß in diesem Vertrag die alten Privilegien Mühlhausens bestätigt und Bemühungen um die Aufhebung der Reichsacht gegen Schaffhausen versprochen wurden, auch wenn sie wissen, daß Herzog Sigmund von Österreich eine Entschädigung von 10.000 Gulden für die schweizerischen Kriegskosten zusicherte, die bis zum 24. Juni 1469 gezahlt werden mußten und daß andernfalls Waldshut und die Bürger auf dem Schwarzwald den Eidgenossen huldigen sollten: Auch wenn man all dies weiß, ist man längst noch nicht vor vorschnellen Fehleinschätzungen der Chilbi, vor oberflächlichen Urteilen gefeit. Ganz im Gegenteil! Um die Waldshuter Chilbi zu verstehen, muß man weiter als bis zu den historischen Grundlagen vordringen. Aber selbst wenn man sich beispielsweise darüber hat aufklären lassen, was es mit der Junggesellenschaft 1468, der Vereinigung Alt- Waldshut und der Schützengesellschaft 1468 auf sich hat, auch wenn man weiß, daß die Auszüge der Junggesellenschaft während der Chilbi, daß die sogenannten Bockaufzüge an das Vorweisen des legendären Waldshuter Retterbocks auf die Stadtmauer erinnern, hat man noch nicht allzu viel begriffen, hat man immer noch nicht verstanden, wie es andernorts mit größeren und kleineren Varianten in ähnlicher Weise gefeiert wird. Will man der Sache näher auf den Grund gehen, ist man gehalten, sich intensiver mit Waldshut und den Waldshutern zu beschäftigen, sollte man sich ein wenig mehr Zeit nehmen, sagen wir: mindestens drei bis vier Jahre. Drei bis vier Jahre sollte man schon Waldshuter Luft geschnuppert haben, will man dem “Phänomen Chilbi” in seriöser Weise auf die Spur kommen, und vielleicht weiß man dann tatsächlich ein wenig mehr. Das Geheimnis der Chilbi erschließt sich jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Die geneigte Zeitgenossin, der geneigte Zeitgenosse, die/ der sich auf Waldshut einlassen will, wird feststellen können, daß, wenn einmal das Frühjahr vorgerückt ist und der Sommer über dem Land liegt, die Chilbi mehr und mehr die Gedanken der Waldshuterinnen und Waldshuter beherrscht und allmählich zum zentralen Gesprächsthema wird: am Arbeitsplatz, an den Stammtischen, auf dem Markt, im Sportverein. Und je näher der ugust heranrückt, um so intensiver, um so ausschließlicher ist dann von der Chilbi, die Rede, beherrscht die Chilbi Kommune, Köpfe und Kalender. Ist es dann schließlich soweit, erhält die Stadt ein festliches Kleid, dekorieren die früheren Bockgewinner ihre Schaufenster mit den präparierenten Überresten ihres Böckleins, die Bockreise, die Bocktaufe finden statt, der Götti wird präsentiert, und die Losverkäufer beginnen ihr Werk und bieten ihre Wahl feil.

Von Stund‘ an kursieren Gerüchte, wer wann von wem warum wie viele Bocklose erworben hat. Rechnungen werden aufgemacht, Spekulationen angestellt, die Losverkäufer geben sich gewohnt pokerfaceartig kaltschnäuzig und haben doch nur noch einen Gedanken … Etliche nehmen Urlaub, um sich dem Chilbigeschehen mit Haut und Haaren bis in die frühen Morgenstunden widmen zu können. Und nicht nur Eingeweihte wissen, daß ein veritabler Minister Jahr für Jahr chilbiwärts an den Hochrhein reist. Hat man einige Male den Heimatabend, den Chilbiumzug, den Bockaufzug, das Treiben in der Bockhütte und die anderen Elemente der Chilbi miterlebt und hat man vor allen an der Bockverlosung teilgenommen, hat man dabei die Losbesitzer beäugt, ihre nervösen Mienen beobachtet, das unruhige Flackern in ihren geweiteten Augen wahrgenommen und den Schweiß auf ihren Stirnen glänzen sehen, der in aller Regel nicht von der Hitze im Zelt herrührt, dann beginnt man zu begreifen, daß wir mit der Waldshuter Chilbi etwas ganz Besonderes haben. Sie ist viel mehr als nur die sechste Waldshuter Jahreszeit. Die Chilbi endet in Wahrheit übrigens auch nicht mit dem Nach- Chilbisonntag, geschweige denn mit dem Bockessen im Herbst, das der Bockgewinner der Zunft und seinen Gästen ausrichtet. Die Chilbi ist letztlich – auch wenn diese Auffassung ein wenig ketzerisch anmuten mag -, die Chilbi ist durch das Bott, die monatliche Zusammenkunft der Zunftbrüder, im gesamten Jahresverlauf präsent und sie existiert überdies immerfort im Bewußtsein der Menschen: jahrein, jahraus. Im Prinzip gibt es in Waldshut kein Leben außerhalb oder nach der Chilbi. Das Leben: das ist in Waldshut die Chilbi; die Chilbi: das ist das Leben. Die Chilbi – ich betonte es nochmals – ist weit mehr als ein Heimatfest. Die Chilbi ist Ausdruck eines Lebensgefühls oder noch besser: Sie ist nicht nur ein Lebensgefühl, sie ist das Lebensgefühl einer Stadt und ihrer Bürgerinnen und Bürgern, einer Stadt tief im Süden, einer Lebensgemeinschaft, die im Jahre 1468, nach langer Belagerung, die Freiheit wiedererlangt hat; einer Stadt, die im 16. Jahrhundert einmal die Aufnahme in die Eidgenossenschaft beantragt hat und die heute – von ihrer Mentalität und ihrer geographischen Lager her – nicht mehr so ganz zu Deutschland, aber auch nicht zur Schweiz gehört. Man hat sich inzwischen gut arrangiert, man hat sich “zwischen den Welten” eingerichtet, verfügt zwar nicht über eine eigene Republik, aber es läßt sich mit DM und Fränkli gleichermaßen zu leben. Waldshut ist ein Kanton eigenen Rechts, die Waldshuter sind lebensfroh, freiheitsliebend, eigenständig und selbstbewußt, und die Chilbi ist Ausdruck eben dieser Lebensfreude und dieses Selbstbewußtsein, ist Ausweis der Waldshuter Identität. Daß Eigenständigkeit, daß (historische) Identität über Traditionsfeste vermittelt und repräsentiert wird, ist übrigens keine Seltenheit und läßt sich gerade in zahlreichen Grenzlandschaften nachweisen, so beispielsweise auch in Südfrankreich. Was anderen der 14. Juli oder der 1. August ist, heißt bei uns Chilbi – und das ganze Jahre (siehe oben). Liebe zum Leben, Lebenslust, Eigenständigkeit und Selbstbewußtsein schließen Souveränität mit ein. Und so sind die Waldshuter – obzwar ohne eigene Republik – längst souverän genug, um freundschaftliche Bande zu den Belagerern von einst zu knüpfen, und selbst den kühlen Nordlichtern, den Mannheimern und Mosbachern, tritt man offen, wohlgesonnen und kooperativ gegenüber und läßt sich vor allem auch bei der Chilbi mitfeiern. Dafür ist nicht zuletzt der Verfasser dieser Zeilen dankbar, der aus Mittelbaden stammt, allerdings bereits vor langer Zeit ein Bad im Stadtbach genommen und damit die Bürgerrechte erworben hat. Spätestens beim Badner- Lied sind wor ohnehin wieder vereignigt: Mannheimer, Rastatter- und Waldshuter.