Die Geschichte der Junggesellenschaft

Wenn wir den geschichtlichen Weg der Zunft der Junggesellen von der Gegenwart in die Vergangenheit zurückgehen, so darf man nicht übersehen, daß nicht nur das Alter der Zeit, sondern auch zwei schwere Brandkatastrophen, deren erstere die Stadt fast völlig zerstörte, wie auch langanhaltende Kriege den Weg der Forschung sehr erschweren, zuweilen seine Fortsetzung fast unmöglich machen. Diese katastrophalen Ereignisse, von denen die Stadt wie keine ihrer Schwestern am Hochrhein so oft heimgesucht wurde, brachten meist die Vernichtung wertvoller Akten und kostbarer Schriftstücke mit sich.

Das älteste noch vorhandene Schriftstück, das die Junggesellenschaft besitzt, stammt aus dem Jahre 1698. Es enthält die ,,Ordnung, Statuten und Stuben Recht, der Gesellschaft der Jungen Gesellen in der löblichen Stadt Waldshut«. Aber wir kommen noch einen Schritt weiter, wenn wir den Vermerk auf der Titelseite dieses Schriftstückes aufmerksam lesen. Es heißt nämlich dort, daß diese Statuten durch die Stubenmeister Caspar Müsch und Johannes Holinger erneuert und durch den Schultheißen zugelassen worden sind. Diese Bemerkung weist auf ältere Statuten hin, die erneuert, d. h. ohne tiefgehende Änderungen neu aufgezeichnet worden sind. Nun werden aber in verschiedenen Aktenstücken der Junggesellenschaft aus dem 19. Jahrhundert als älteste Statuten solche vom Jahre 1647 bezeichnet. Vorhanden sind diese Statuten nicht mehr, sie müssen im Ausgang des vorigen Jahrhunderts verlorengegangen sein. Diese sind damit gemeint, wenn die Statuten von 1698 als eine Erneuerung älterer Statuten bezeichnet werden. Damit stehen wir, was die schriftlichen Aufzeichnungen anbetrifft, im Jahre 1647. Immerhin ist das ein Zeitraum von 321 Jahren.

Eine vielfach nicht beachtete und auch leicht übersehbare Bezeichnung auf der Titelseite der Statuten hilft uns in der Forschung weiter, Dort werden die bereits genannten Caspar Mösch und Johannes Holinger als Stubenmeister bezeichnet. An dieser aus der Geschichte der Zünfte uns bekannten Amtsbezeichnung ersehen wir, daß es sich bei der ,,Gesellschaft der Jungen Gesellen in der löblichen Stadt Waldshut” um eine damals in allen Städten seit längst schon errichteten Gesellenzunft handelt. Solche Gesellenzünfte bestanden bereits in der Blütezeit der Zünfte, hatten ihr Vorbild in den Zünften der Meister und hatten wie diese ihre Stubenordnung. Sie waren wirkliche Zünfte, d. h. Zusammenschlüsse der Gesellen, welch letztere damals auch oft “Knechte” genannt wurden, Natürlich haben auch die Gesellenzünfte eine Entwicklung gehabt. Ursprünglich mehr mit religiösem Einschlag, wie z. B. die Sorge um ein ehrenvolles Begräbnis, feierlichen (Gottesdienst, Beteiligung an der Prozession -, machten sie sieh auch bald zu Hüterinnen der wirtschaftlichen Interessen und Belange der Gesellen gegenüber den Meistern und deren Zünften. Man bedenke doch, daß der einzelne im Mittelalter im wirtschaftlichen Leben nichts bedeutete, erst in Verbindung mit den Gleichartigen als Mitglied einer Gemeinschaft erlangte er Bedeutung. Wie tief einschneidend schon damals die sozialen und wirtschaftlichen Fragen waren, zeigen zwei Vorgänge. Im Spätherbst des Jahres 1407 waren alle Städte am Hochrhein, auch die vier Waldstädte Waldshut, Laufenburg, Säckingen und Rheinfelden, aufs äußerste beunruhigt durch der Kolmarer Bäckerstreik (1495-1505). Angeblich infolge einem großen ,,Maien” in Rufach sollte ein entscheidender Schlag gegen die Meister geführt werden, Von einer Stadt zur andern liefen ihre Meldeposten und nahmen den Gesellen das Versprechen ab, sich an Pfingsten dort einzufinden. Doch wußten es die Städte zu verhindern, indem sie beruhigend und entgegenkommend vorbeugten. Ein anderer Vorgang ist der Kolmarer Bäckerstreik (1495-1505). Angeblich infolge einer Zurücksetzung der Bäckergesellen bei der Fronleichnams-Prozession verließen am Abend die Gesellen die Stadt, nachdem sie das Feuer im Backofen gelöscht hatten, aber nicht durch die Tore, sondern über die Mauern, entgegen ihrem Lid. Der Streik wuchs zu einem zehnjährigen Wirtschaftskampf gegen die Stadt aus, den schließlich die Gesellen gewannen, indem sie Streikposten aufstellten, die jeden Bäckergesellen von Kolmar fernhielten. Diese beiden Vorgänge zeigen, wie stark die Gesellenvereinigungen bereits anfangs des 15. Jahrhunderts waren. Es steht deshalb außer allem Zweifel, daß auch in unserer Stadt nicht erst seit 1647 eine Zunft der Gesellen bestand, sondern schon bedeutend früher. Wenn die Junggesellenschaft als Gründungsjahr das Jahr 1468 bezeichnet, so darf sie das wie die Schützengesellschaft mit Berechtigung tun, zumal die jungen Gesellen nach der Überlieferung durch ihre Tapferkeit zum ehrenvollen Durchhalten und endgültigen Sieg in der ruhmreichen Zeit der Belagerung beigetragen haben. Gerade in neuester Zeit ist man immer wieder auf Dokumente gestoßen, die zeigen, wie sehr die jungen Burschen der Stadt Waldshut in der Zeit nach der Belagerung von den Werbern der Söldnerheere umworben wurden. Dazu kommt auch ein psychologisches Moment: gemeinsames Erleben wie bei der Verteidigung der Stadt schmiedet die Menschen zusammen Man erinnere sieh doch, wie stark die soldatische Traditionspflege in früheren Jahren war, da sich die Veteranen des deutsch-französischen Krieges 1870/71, die ausgedienten Soldaten der Kolonialtruppen, ja selbst die in der Heimat ihre militärische Dienstzeit hinter sich hatten zu Vereinigungen zusammenschlossen. Gewiß war es nach Beendigung der ruhmvoll bestandenen Belagerung der Stadt nicht anders.

So war die ,Zunft der Jungen Gesellen” eine Zunft der Handwerkergesellen. Sie pflegte die geselligen Beziehungen innerhalb der Zunftmitglieder, feierte die Feste, kirchliche und weltliche. Wie jede Zunft hatte auch die Zunft der Jungen Gesellen ihr eigenes Fest und ihren Zunftpatron, den hl. Schutzengel. Das Zunftfest wurde im September gehalten mit einem ,,Heylig Ambt, wobei sieh ein iedweder Christlicher und Gesell sieh fleißig solle einstellen”. Zur Feier des Tages waren Handschuhe anzuziehen. Sie hatten auch wie die Meister ihre Zunftordnung, unterschieden sich in der Kleidung nicht von den Meistern, trugen vielmehr wie diese ,,zerschnittene Kleider” und Barett. Wenn die Junggesellen diese heute wieder tragen, so ist das ein Zurückgreifen auf eine uralte Tradition. Desgleichen gingen auch die Gesellen wie die Meister mit dem Degen, heißt es doch in der Zunftordnung der Gesellen, es werde gestraft, der über einem anderen freventlich Mässer oder Tägen Zuckht oder ein lichtstockh, Glas oder anderes, waß es seye, er werf oder nit”. Das mag auch der Grund gewesen sein, als die Landesmutter und Kaiserin Maria Theresia den Handwerkern das Tragen von Degen verbot und es nur noch Künstlern und Gelehrten erlaubte.

Spätestens sechs Monate nach Beendigung der Lehre hatte der freigesprochene Geselle die Wanderzeit anzutreten. Die Mitgesellen begleiteten ihn zum Tor hinaus, oft bis zur nächsten Ortschaft, wo noch ein Abschiedstrunk genommen wurde. Wanderte er in eine Stadt ein, mußte er in der Mitte der Straße gehen und durfte nicht den Bürgersteig betreten. Ein Müller hatte das Bündel auf beiden Achseln zu tragen, ein Gerber auf der linken Schulter, ein Zimmerer auf dem Rükken. Noch vieles ließe sich darüber erzählen, jede Handlung war in festen Formen vorgeschrieben. Vierzehn Tage nach seiner Arbeitsaufnahme in der Stadt fand die Aufnahme, das ,,Einschenken” in die Zunft der Gesellen statt. Das Einstandsgeld betrug im Jahre 1778 einen Groschen, im Jahre 1809 wurde es auf zwei Maß Wein festgesetzt. Zur Zusammenkunft wird auch heute noch jeder Geselle eingeladen, “aufgeboten”, daher die Bezeichnung “Bott”. An die Beratung der gemeinschaftlicher Angelegenheiten schloß sich stets ein Trinkgelage mit Gesang an. Auch da galten wieder besondere Regeln Keiner soll dein andern zutrinken mit Halben und Ganzen, noch ihn zum Trinken zwingen, ,,in kein weiß noch weg”, niemand sein Getränk verschütten, wenigstens nicht mehr, als er mit der Hand bedecken kann, ,,bei einer Buß von 6 Kreuzer”. Keiner sollte den Ellenbogen auf den Tisch legen und jeder solle beim Abschied höflichen Abend wünschen. Daß in solch frohem Kreise neben den Handwerksgesellen sieh auch Bürgersöhne ohne gewerbliche Hantierung als Zunftbrüder fanden, ist verständlich. Zum ersten Mal lesen wir in einem Protokolleintrag vom 5. Februar 1778, daß die Junggesellen auf einem Bott einen Johann Baptist Vögli von Laufenburg “als der freien wysseschaft studyosius” als Mitglied aufgenommen haben. Weil er weder ein Waldshuter Bürger noch ein Handwerksgeselle war, mußte die Genehmigung der Aufnahme beim Magistrat der Stadt eingeholt werden. Bei der Neugründung der Zunft 1846 ging diese Neubildung von der Initiative des Geometers Schupp und des Aktuars Scheef aus, wobei dann die Lade in feierlichem Zug mit klingendem Spiel in das alte Zunftlokal des “Rebstocks” übertragen wurde. Die Lade ist ein hölzerner, viereckiger Schrein. Der Bott gilt als eröffnet, wenn der Ladenmeister die Lade öffnet. Bei jenem Bott wurde Schupp Zunftmeister und Scheef Lademeister. Damit war die Zunft der Junggesellen nicht mehr nur eine Zunft der Handwerkergesellen, sondern der Bürgerssöhne und hat als solche diesen Charakter bis heute bewahrt. Abschließend darf man sagen: keine Vereinigung hat so die alten Bräuche gehütet wie die Zunft der Jungen Gesellen. Ihre Feste sind Volksfeste im wahrsten Sinn des Wortes und knüpfen vielfach an historische Begebenheiten. Wir denken da insbesondere an die Feier der Chilbi, den Auszug der Gesellen mit dem bekränzten Hammel und dessen Verlosung. Bei letzterer wird, um nur einen Brauch zu nennen, eine Kerze angezündet, um welche ein Faden geschlungen wird. An diesem Faden wird ein Glas befestigt. Hierauf wird laut gezählt bis zu dem Augenblick, da die herabgebrannte Kerze den Faden versenkt und infolgedessen das Glas klirrend zu Boden fällt. Der Inhaber des Loses, welches die eben aufgerufene Zahl trägt, gewinnt den Bock. Wir denken auch an die alten Fasnachtsbräuche, die Geltentrommler, den Narro und die Fasnachtsverbrennung. Wie stark sieh die Zunft mit dem traditionellen Brauchtum verbunden fühlt, zeigt folgender Vorfall: Als der Magistrat der Stadt an der Fastnacht 1832 das Auftreten des Narro verbot, beantwortete die Junggesellenschaft das Verbot mit der sofortigen Auflösung ihrer Vereinigung. Immer wieder stellt man diesen konservativen Zug fest in der Geschichte der Junggesellenschaft, diese Achtung vor dem historischen Gewordenen und oft in einer Zeit des Umsturzes und der Neuerungssucht, Es ist wahrlich ein reiches Brauchtum, das uns die Zunft der Junggesellen bewahrt hat; um wie Vieles wären wir heute ohne sie ärmer an Brauchtum. Dafür danken wir ihr am Fest ihres 510jährigen Bestehens.

Joseph Ruch